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Oskar Ansull: Papierstreifen

 

Papierstreifen als Medium der Literatur

„MONTAG UND Dienstag gehen zu Mittwoch, der mit Donnerstag und Freitag beisammen sitzt, um die Angelegenheiten von Samstag zu regeln, der mit Sonntag im Streit liegt. Denn der Sonntag hat den Samstag, so erzählen der Freitag und der Donnerstag, beim Mittwoch angeschwärzt, weiß der Dienstag vom Montag. Das geht schon die ganze Woche.“ (S. 10)

Diese kleine Notiz als die erste der rund 120 „Papierstreifen“  von Oskar Ansull enthält, ohne dass sie es womöglich soll, insgeheim die Poetik der Kalender-Literatur, wie man die Tradition nennen könnte, in der dieses kurzweilige Vademecum von Oskar Ansull steht: Jedes Blatt eines Abreißkalenders enthält auf der Rückseite gewöhnlich Muster der „Kleinen Form“, deren Vorbild Johann Peter Hebels „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds“ darstellt, den ein „Papierstreifen“ denn auch erwähnt.

„DAS FEUILLETON ersann sich treffende Bezeichnungen, die kleine Form zu benennen, die Johann Heinrich Campe einst bescheiden im »Bei- oder »Nebenwinkelchen« einer Zeitung platziert entdeckte. E erfand sich so schöne Namen wie: »Unterm Strich«, »Stimmungsbilder«, »Miniaturen«, »Spaziergänge«, »Randnotizen«, »Luftballons«, »Luftlinien« und »Luftsprünge«, »Kleinigkeiten«, »Plauderei«, »Zwischenruf«, »Schnipsel«, »Prosamen«, »Streiflichter«, »Flaschenpost«, »Skizzen«, »Impromptus«, »Kaleidoskop«, »Seifenblasen« ... dies sind die jüngeren Verwandten der Fabeln, Anekdoten und Kalendergeschichten. Die kleinen Texte verdanken sich eilig verbreiteter Zeitung Lektüren, als verführerische Beikost einst mehrmals täglich erscheinender Blätter; kurz: es sind Texte, deren meisterhaften Ausformungen längst literarische Weihen zustehen.“  (S. 26)

Die stehen dem vorliegenden Werk ebenfalls zu. Den Werktiteln der sogenannten „Kleinen Form“ können wir viel entnehmen. Sie enthalten die Logik, wenn nicht die Ästhetik ihrer Zusammenstellung, indem wir bereits am Titel, meditativ inne-haltend, den Inhalt der Ganzheit erahnen. Papierstreifen nämlich sind der Verschnitt beim Zuschneiden von Bögen in Druckereien, Abfall eigentlich, den man aber noch verwenden kann: als Lesezeichen, Erinnerungszettel, für Notizen, oder für kleine Einfälle, weil, mit guten Einfällen geht es wie mit Träumen: sobald wir aufwachen, vergessen wir sie schnell. Dagegen hilft das kleine Papierformat. „Zettels Traum“ ist nicht nur im Titel dieses kleinen Werkes nicht weit entfernt. Doch ist jenes ein ambivalentes literarisches Monstrum, so dieses ein angenehm flüssig geschriebener Begleiter auf nicht allzu langen Zugfahrten, Reiseliteratur im besten Sinn.

Konsequent analog, erwähnt es an keiner Stelle die digitalen Entsprechungen dieser Zweitverwertung von Papier, die vom Smartphone verdrängt werden. In der philosophischen Tradition der Freigeisterei stehend, widmet es sich mehr deren historischer Dimension (wie in „Gehorchen oder Von den Hörigen zu den Ungehörigen“ S. 169).

Von Clemens Brentano gibt es ein Märchen, „Baron von Hüpfenstich“, in dem eine Frau Woche sieben Söhne hat. Diese sieben Söhne helfen einer Prinzessin, vor dem Riesen Wellewatz zu fliehen. Wie? Indem sie ihm Schreibutensilien in den Weg legen, die zu großen Hindernissen werden: Aus der Tinte wird ein Meer, aus der Streusandbüchse eine Wüste, aus dem Lineal ein Schlagbaum nebst Zöllner, aus einer Schreibfeder ein undurchdringlicher Wald, und so weiter. Als die Woche um war, war die Prinzessin vor weiterer Verfolgung gesichert. Schön, dass es Bücher gibt, die mit jedem Papierstreifen die Wochentage auf schreibendlesende Art poetisieren können.

Oskar Ansull: Papierstreifen. Hannover 2020. Wehrhahn-Verlag, ISBN 978-3-86525-787-1. 240 Seiten, 22 Euro

 

Die Hansen-Melancholie. Ein Erzählzyklus von Dirk Schmoll

Die Hansen-Melancholie. Ein Erzählzyklus von Dirk Schmoll
Das scheint eine neue Diagnose zu sein: eine Hansen-Melancholie. Es gibt seit der Renaissance eine edle Melancholie, seit Robert Burton 1651 eine Schwermut der Liebe, eine Witwenmelancholie, eine hypochondrische oder „windige“ Melancholie, bei Agrippa von Nettesheim 1520 eine Gelehrten- und eine Heiligen-Melancholie sowie eine Künstler-Melancholie, welch letztere Albrecht Dürer besonders interessierte, um seine ins Bild zu setzen. Und nun also eine, die auf den Namen Hansen getauft wurde. Was ist Hansen? Ihr Entdecker? Dann könnte sie ja jeder bekommen, nein, dies nämlich ist die erste Botschaft dieser locker gefügten Erzählungen über einen Referenten im ministeriellen Umfeld namens Hansen: Jeder Mensch hat seine eigene Melancholie, eine ihm angehörende Stimmung, Introvertiertheit, Besinnlichkeit. Melancholie nämlich ist in diesem Buch weniger eine manifeste Krankheit, für die der Autor, Arzt und Psychiater Schmoll eher mit dem Begriff der Depression arbeiten würde, sondern eine gesteigerte Sensibilität, die auch schon zur Poetik dieser Erzählungen beiträgt. Sie lesen sich alle flüssig, alle sind sehr sinnlich in ihren Bildern und sinnig in ihren Aussagen.
Melancholie hat man, wenn man gerne phantasiert, vielleicht lieber als zu reisen oder sich einer öden Realität auszusetzen. So wirken die Geschichten phantastisch, aber auf Basis gesicherter Fakten, allemal wenn sie für Krankheitshintergründe verwendet werden. Es gibt motivliche Schwerpunkte im Zyklus: Literatur daselbst (Auf der Suche nach Kafkas Sohn, Gefangen in einer vergessenen Stadt – gemeint ist Görlitz, In der Bibliothek der ungedruckten Bücher – in Anlehnung an die Borges‘zu Babel), ferner die Angst vor Fremden, vor Fremdheit, vor Flüchtlingen, dann über die Mutter von Herrn Hansen, selbstverständlich die Liebe, die zwischen Traurigkeit und prickelnder Freude pendelt, um nur einige zu nennen.
Ein Prolog informiert darüber, dass der Erzähler Herrn Hansen als 35-Jährigen kennengelernt und „über die nächsten dreißig Jahre durchs Leben begleitet“ hat. Also ist er nun 65, ein melancholieverdächtiges Alter. Aber an dieser Stelle erweist sich das Buch als aufbauend und gar nicht melancholisch. Es werden neue Liebschaften genossen, Reisen unternommen und drauflos gelebt. In einem Epilog heißt es daher: „Ich lasse ihn allein nach Afrika fliegen, denn ich bin guten Mutes, dass er dort sein spätes Glück finden wird.“ Spätes Glück wünschen wir uns auch, eine leicht schwebende Lebensart, die wir trotz aller Trauer von diesem Buch als schöne Melancholie lernen, bevor die unschöne uns erfasst.
Thomas Isermann, Berlin
Dirk Schmoll: Die Hansen-Melancholie. Ein Erzählzyklus. Omnino-Verlag, Berlin 2020. ISBN Print: 978-3-95894-130-4; E-Book: 978-3-95894-131-1. 297 Seiten, 20 Euro
weitere Informationen unter www.dirkschmoll.de
 
 

Fukushima und heute: Die Katastrophen und das Unsichtbare

Johannes Balve: Fukushima - Glückliche Insel. Roman. Berlin 2020. ISBN 9 783000 650178, 290 Seiten, 17,50 €
Heute an einen Atomunfall in ziviler Nutzung dieser Technik zu erinnern, ist mehr als eine kritische Lesestunde für passionierte Atomkraftgegner. In doppelter Hinsicht ist es äußerst aktuell, sich mit dem Atomunfall von 2011 im Japanischen „Fukushima“ (zu deutsch: „Glückliche Insel“) zu befassen: Erstens kontrastiert die Typik solcher Katastrophen mit jener der aktuellen Corona-Katastrophe gerade in ihrer beängstigenden Gemeinsamkeit: dass sie weithin unsichtbar verlaufen und dass sie kaum gemeistert, schon gar nicht rückgängig gemacht werden können. Nukleare Austritte und biologische Entweichungen haben etwas Unheimliches. Zweitens zwingt uns jeder Atomunfall kritisch darüber nachzudenken, wo eigentlich der Strom für all die vielen noch ungebauten Elektroautos herkommen soll, wenn nicht aus der Atomkraft, nach der sich die ersten Strategen des pausenlosen Konsumerhalts schon wieder die Finger lecken.
Vor dieser global aktuellen Folie erscheint der Roman von Johannes Balve genau zur rechten Zeit mit dem genau richtigen Thema. Vorgeschichte, die Katastrophe selbst, dann die politisch-technische Aufklärungsphase geben dem Roman eine einfache sinnvolle Struktur, eine eingängige, detailorientierte Sprache und gute, nachvollziehbare Erklärungen, denn das Thema ist zu ernst für spitzfindige Erzählexperimente. Ungewöhnlich für einen Roman ist der Anhang, der als „Anmerkungen des Autors“ über Handlung, die Katastrophe selbst sowie mittels eines Glossars auch über japanische Begriffe und deren kulturelle Spezifikationen informiert. Umgekehrt ist ungewöhnlich, dass ein Sachbuchthema von der Gattung „Roman“ dargestellt wird. Sein Recht bezieht er aus der fiktiven Rahmenhandlung, die in mehreren Erzählsträngen Einzelschicksale erzählt, vornehmlich von Europäern und Amerikanern, die aus unterschiedlichen Gründen in Japan zu tun haben. Es ist ein Roman weniger über Japaner, sondern über Europäer in Japan, denen die grausige Wirklichkeit des Atomunfalls in die Quere ihrer Karriere kommt und in ihrem Leben alles verändert. Hier bekommt die Mischung aus Dokument und Fiktion ihre Berechtigung, besonders dann, wenn dem Leser immer klar ist, auf welcher Ebene er sich befindet.
Die Katastrophe schleicht sich erzählerisch heran. Das zeigt sich schon in der Gestaltung der Zwischenüberschriften, bei denen die Einzelschicksale unter den Namen der Stadtteile Tokyos eingeführt werden. Im Kapitel „Katastrophe“ lauten die Überschriften nur noch nach Uhrzeiten, weil in der Zuspitzung minütlich viel passiert, um später, in der „Aufklärungsphase“, existenzielle oder gar medienkritische Lichtkegel zu werfen: „Katastrophenjournalismus“, „Investigativjournalismus“, „Fragen an die Wissenschaft“ oder, mit Einbezug japanischer Kulturparadigmen, „Buddhas Klangschale“. Der Stil atmet mitunter in einer epischen Weite:
„Heimlich schlich es sich von Norden heran, mischte sich mit dem morgendlich aufsteigenden Dunst, wanderte hoch in die Wolken, unerkannt, unsichtbar, schwärmte aufs Meer hinaus und aufs Land, um sich mit Wasser und Erdreich zu vermischen, um in die Pflanzen, Tiere und Menschen einzudringen, nicht vernehmbar, nicht spürbar, beinahe zärtlich die ersten Stellungen erobernd, nur Vorhut der sanften, kalten, bald nachfolgenden Kraft, des im Ei noch schlummernden Ungeheuers, das nicht von außen angriff, sondern sich in innere Angelegenheiten einmischte, nicht schnell, nicht heftig, sondern mit dem langen Atem derer, die unendlich viel Zeit haben.“ (S. 109)
Johannes Balve, der selbst mehrere Jahre als Professor für Germanistik in Japan arbeitete, ist ein spannender, zugleich dokumentarisch recherchierter Roman über eine Katastrophe gelungen, die sich ähnlich an allen Orten auf dieser Erde wiederholen kann, und dessen Lektüre gerade in diesen Tagen unserer biologischen Virus-Katastrophe uns eine Abwechslung ermöglicht, die wir alle gut gebrauchen können.
weitere Informationen: www.johannesbalve.de