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Leseproben zum Download

 

Über das Alter           

Über den Zorn                                (beide aus: Selbstermutigung)

 

Sonette                                           (aus: Mondrosen)

 

Was sind mystische Schriften        (aus: Jacob-Boehme-Lektüren)

 

Das Seminar (Über Verskunst I)     (Originalbeitrag)

Rilkes Fünfte (Über Verskunst II)    (Originalbeitrag)

 

Nietzsches Gestalten: Dionysos, Freier Geist, Zarathustra

Quirinus Kuhlmann: Ein Lebensbild

 

kleine Formen

(Im Aufbau)

 

Über Wimmelbilder (aus: Scheiternde Schutzengel)

 

– Zu den ersten Erinnerungen an das, was wir Großstadterfahrung nennen, sagt eine Dichterin im Café nahe des Bahnhofs Friedrichstraße, – gehörte die strenge Ermahnung darüber, was ich als Kind zu tun hätte, sollte ich mich in der Stadt verlaufen haben. – Ja, sagt ihr jüngerer Begleiter, bei dem jedes Wort gewichtig genug ist, um die Sätze als schwer zu bezeichnen. – Nicht jede Ariadne hat einen Daedalos, nicht jeder Alexanderplatz seinen Döblin. Aber jedes Telefon hat eine Orientierungshilfe. – Ja, sagt die Schriftstellerin. – Während ich als Kind stets nur nach Hause wollte, nachdem ich mich verirrt hatte, wäre eine Verirrung heute, wenn ich nicht wüsste, wohin ich gehöre. – Ich liebe an dir die überzeitliche Kritik des Zeitlichen, denn dieser Wendung zufolge hilft uns keine Technik aus den Irrwegen unserer Städte. Es wäre, so fährt er fort, – sicher in deinem Sinn, den Gedanken auf die Kunst zu legen. – Was meinst du denn? – Den Unterschied zwischen einem Panorama und einem Wimmelbild vermute ich in der Orientierung, die das Panorama bietet, das Wimmelbild mir nehmen soll. Das Panorama bleibt in der Fernsicht, das Wimmelbild zoomt ganz nah. Benennt doch das eine die kinderliebe Seele des frohen Suchens, das andere die alte Gattung untergegangener Herrschaftsansichten über Besitz oder Landschaftsgenuss. Das eine, das Panorama, ist eine Übersicht von oben auf ein Labyrinth. Das andere, das Wimmelbild, die Nahaufnahme der in einem Labyrinth Irrenden, ohne dass der Ausweg, der Ariadnefaden, zu sehen wäre. – Fahre fort, sagt die Schriftstellerin. – Wenngleich ich den Landschaftsanspruch des Panoramas nicht teile und ich das Panorama auch für die großen Stadtansichten und Veduten beanspruche.

Aber wo liegt der Unterschied? – Wimmelbilder, sagt der Jüngere, – sind Varianten des Panoramas. Sie sind seine zugleich verspielte und didaktische Ausprägung. Genießt der Betrachter eines Panoramas die ruhige Aussicht, sucht der Betrachter des unruhigen Wimmelbildes Details. Es besteht aus Details, das Panorama ist Ganzheit. Die Unübersichtlichkeit des Wimmelbildes irritiert den fernen Betrachter, die schöne Aussicht des Panoramas erhebt den Betrachter. Beide beziehen ihre Wirkung auch aus sozialen Standpunkten, wortwörtlich. Von oben herab sieht der Betrachter ein Wimmelbild als Allegorie des Zuviel, des Irritierenden, der Großstadt womöglich, der Anstrengung, des Witzes auch, des Anarchischen. Ein Panorama ist nicht anarchisch, es ist erhebend, wir begrüßen mit panoramatischer Sicht die Morgenröte auf unseren Wanderungen, die Seele wird berührt, wer ein Panorama sieht, ist einsam, bleibt einsam, und schreitet er fort, kommt er der Stadt näher, so taucht er ins Gewimmel der Stadt. Wimmelbilder sind unübersichtlich, Panoramen der Inbegriff der Übersicht. Die Einnahme beider Perspektiven kennzeichnet gute Kunst. Klassisch erzählt die Literatur, sofern sie sich der Motive des Aufbruchs, der Wanderschaft und des Ankommens bedient, von Panoramen, auf Bergspitzen und „unterwegs“. Kommt der Wanderer an seinem Ziel an, zumal in Städten, so überwältigt ihn das Gewimmel der Stadt, in der er Fremder, Unkundiger und weniger denn als einer von Vielen gilt. Die Romantik hat so erzählt. Derlei Muster erben im 20. Jahrhundert die Großstadtromane. Ihre ersten und bis heute unübertroffenen Beispiele beginnen am Stadtrand, in einem Turm an wilder Küste bei Dublin, mit einer Straßenbahnfahrt vom Stadtrand, wo ein Gefängnis steht, nach Berlin hinein. Dort stoßen sie auf ein Gewimmel. Odysseus, der Irrende, wäre der ideale Held eines Wimmelbildes.

– Aber, sagt die Schriftstellerin, – als so protogenial ich deine freie Rede auch loben möchte, auf Wimmelbildern gibt es keinen Helden, an dem etwas abzulesen oder von dem Entwicklung zu erwarten wäre. Figuren, Details, Tiere oder Menschen sind auf Wimmelbildern kleinformatig, aufs Wesentlichste reduziert, ein Tiger als Tiger erkennbar, aber nicht ein bestimmter. Das Wimmelbild einer Baustelle zeigt uns den Baggerfahrer, wie er Bagger fährt, nicht was er nach Feierabend macht oder ob er Kinder hat, ob er deshalb Bagger fährt, weil er mit seinem Sprachfehler kein Redner werden konnte, und ob seine Frau ihn noch liebt, und wenn ja, warum nicht. Das ist alles Schema, dünn, Klischee. – Nein, es ist der erste Eindruck, der so wichtige. In einem Panorama-Roman blicken wir auf eine ganze Gesellschaft, auf eine ganze Epoche, in der einzelne Figuren sich entwickeln und besser werden oder schlechter. In einem literarischen Wimmelbild können wir einzelne Personen wiedererkennen, die in einem anderen bereits versteckt waren, oder wir nehmen sie in ihrer Augenblicklichkeit zur Kenntnis. – Kinder, sagt die Schriftstellerin, – lernen das Erkennen von Details und von Dingen durch aktive Suche. Ihnen ist das Wimmelbild angemessen, mit dem Panorama können sie erst später etwas anfangen. Zeigt man ihnen ein Wimmelbild, beispielsweise ein großes Bild mit überall verstreut versteckten Tieren eines Zoos, so liegt bei ihrer Entdeckung von Elefanten oder Giraffen im lauten Da! mit energischem Fingerzeig ein Erfolgserlebnis, das auf einem Landschaftspanorama, bei dem ein einsamer Wanderer vor dem gesamten Riesengebirge steht, kaum möglich wäre. – Rundblicke, die eine Stadt duplizieren, scheinen beides zu sein, sagt der Jüngere. Der Unterschied beginnt in der Haltung des Betrachters. Er kann in der Mitte verweilen und das Ganze aufnehmen, oder er kann die Mitte verlassen und an die Leinwand gehen, mit kurzsichtigem Blick die Details abschreiten. Historische Panoramen wie etwa im heiligen Bad Frankenhausen erscheinen dem Neuling als unübersichtliches Wimmelbild, der Eingeweihte erkennt im Verlauf des Kreisbildes die historische Deutung und Synopse der Zeit. – Ein Unterschied bleibt: Das Wimmelbild zeigt alles zugleich, bei völligem Stillstand des Geschehens. Musik oder Literatur sind eine Zeitkunst, wie passt das zusammen? – Meine Liebe, du bist ja ganz affiziert. Nun ich glaube, dass du in einem Wimmelroman schnell von Kopf zu Kopf springen müsstest, wie bei einer Kette, beim Abbeten eines Rosenkranzes, im schnellen Wechsel. – Wimmelroman … Was es alles geben könnte!