Was ist Germanistik. Teil I.

Zuerst bitte ich Sie, sich auf wichtige, Ihr Leben prägende Leseerlebnisse, auf einen Moment starker und möglichst einseitiger, tiefer literarisch-emotionaler Ergriffenheit zu besinnen... Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten nicht weiter zu lesen. Denn wer sich zwar auf seine Pflichtlektüren, Bildungserlebnisse oder auch auf Likes in Blogs und News besinnen kann, auf die eigentümlich literarische, innere und anhaltende Freude aber nicht, mit der das Herz aufnimmt, was die Augen lesen, mit dem ist nur schwer über Literatur zu sprechen. Auch ist er entschuldigt, wenn er für sich versucht, mit den Erklärungsprinzipien, die man so kennt, soweit zu kommen wie es irgend geht, und sich etwa „Ästhetik“ als sinnliche Lust, und „Kunst“ als eine Funktion geselliger Triebe und sozialen Wirkens oder noch primitiver zu deuten. Aber der echte Leser, der das Besondere des Kunst-Erlebens in sich selbst durchmacht wie eine kleine Offenbarung, wird solche Theorien und Methodenfragen dankend ab­lehnen, und der Künstler noch mehr.[1]

Zu den Menschen, die diese Rezeptionsvoraussetzungen verstanden haben, gehören Germanisten. Ähnlich wie über Gemälden und fragilen Ausstellungsstücken das Schild mit der Aufschrift „bitte nicht berühren“ deren Schutz dient und das Zeugnis ausstellt, dass überhaupt dies ein schützenswerter Gegenstand sei und nicht nur der Feuerlöscher des Museums, so müsste auf diesen Spruch jeder Philologe vereidigt werden. Während Raumkunst wie Malerei und Skulptur zumeist Unikate hervorbringt und nur in ihnen ein Original heißt, lässt sich Zeitkunst wie Musik und Literatur beliebig oft reproduzieren, ohne dass ihre Originalität verloren ginge. Um Musik zu hören, müssen Komponist und aufführende Musiker zusammenwirken, aber Lesen können ist die hinreichende Voraussetzung der Literaturvermittlung. Die Investition in eine Textgrundlage etwa eines Gedichts reicht von der teuren Erstausgabe bis hinab zum Preis für eine Seite im Copy-Shop. Der Preis, den die Literatur für diesen wohlfeilen Bezug zahlt, ist hoch: die Leser müssen die Sprache verstehen, in der die Literatur verfasst ist, sie müssen einiges mitbringen, um die Literatur in sich aufnehmen zu können. Das veredelt die Rezipienten und versetzt sie in Besitzer von Bildungsgut, etwas anders als die Kunst- und Musikfreunde, und haben „Belesenheit“, eine Güte, die es so als geflügeltes Wort mit möglicherweise ironischem Ton parallel in der Musik- und Kunst-kompetenz nicht gibt. Belesenheit jemandem zu attestieren, kann naserümpfend sein.

Philologie bringt also „Belesene“ hervor. Doch was wollen wir mit „Belesenen“ der Philologie? Sie nimmt museale Aufgaben wahr, bildet Lektoren und Lehrer aus. Schön. Ein Blick in beliebige philologische Bibliotheken zeigt uns jedoch, dass die wenigsten der philologischen Bücher sich diesen genannten Aufgaben widmen. Die Ergebnisse ihrer großen Menge an Aufsätzen und Monographien werden Schüler oder Zeitungsleser, werden Lehrpläne und die Lehrer selbst nicht im Ansatz erreichen. Ob Forschungsergebnisse neu sind oder schon einmal ähnlich formuliert wurden, kann wohl kaum ein Mensch beurteilen. Während die Naturwissenschaften fortschreiten, und das heißt, zumeist Neues erkennen, so dass altes Schrifttum als überholt gelten kann, mit dem die Studenten in der Regel sich nicht mehr zu befassen haben, gilt dies für die Philologie nicht. Denn ihre Gegenstände altern nicht, und Jahr für Jahr häufen sich neue Kunstwerke auf, von denen viele Anspruch auf philologische Beachtung erheben. Während „philologische Erkenntnis“, einem Wort Peter Szondis zufolge,[2] sich im Unterschied zu den Geschichtswissenschaften an der Gegenwärtigkeit auch noch der ältesten Texte erfreut, so rutschen sie auch nicht in die passive Unsterblichkeit, sondern bleiben aktiv und lebendig. Eine Untersuchung über Wolfram von Eschenbachs Parzival entspräche in der Medizin, vom historischen Abstand gesehen, der Obduktion einer Moorleiche. Dem Philologen kann das mittelalterliche Opus näherstehen als die Dutzendware der so überaus wichtigen Neuerscheinungen zu Buchmessen. Die Gegenstände der Philologie wachsen daher ins Unermessliche, ebenso wie die Deutungen in mannigfacher Methode und Fragestellung.

Ich habe vor vielen Jahren das Gerücht gehört, dass einige Literaturwissenschaftler sich abgesprochen hätten, nie in ihrer Karriere etwas über Hölderlin zu äußern, weder in Lehrveranstaltungen noch in ihren Publikationen. Dies hätten sie sich feierlich geschworen. Ihnen war Hölderlin so heilig, dass sie ihn nicht mit dem Philologenalltag behelligen mochten. Ich glaube an diese Legende und dass es diese Abmachung gab. Die Germanistik ist ein Dachverband von lauter „Clubs der toten Dichter“. Das allein rechtfertigt sie.

Die Literatur der Gegenwart scheint jedoch den Zweiflern Recht zu geben, wenn etwa Michel Houellebecq in seinem letzten Roman eine Bemerkung notiert, die wie ein Lauffeuer durch die Feuilletons sauste, und die lautet:

„Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften. Wir haben es hier mit einem sehr ulkigen System zu tun, das kein anderes Ziel hat, als sich selbst zu erhalten; die über 95 Prozent Ausschuss nimmt man in Kauf.“[3]

Bei Juli Zeh heißt es von einer Germanistin: „Weil es mit ihrem Doktortitel in Klugscheißerei nur zu einer halben Assistentenstelle reichte, hatte Gombrowski (ihr Vater) ihr eine Wohnung gekauft.“[4]

Das hat Tradition. Ich meine nicht den Wohnungskauf der Väter für mittellose Töchter, sondern eine übrigens auffällig aggressive Ablehnung einer gewissen philologischen Elephantiasis. Man wundert sich über den biederen Ton, mit dem Richard Wagner einschlägig an seinen jungen Freund Friedrich Nietzsche aus Bayreuth am 12.6.1872 schreibt:

„Denn so viel ist ersichtlich, dass die heutige Philologie auf den allgemeinen Stand der deutschen Bildung gar keinen Einfluss ausübt; während die theologische Fakultät uns Pfarrer und Konsistorialräte, die juristische Richter und Anwälte, die medizinische Ärzte liefert, lauter praktisch nützliche Bürger, liefert die Philologie immer nur wieder Philologen, welche rein nur unter sich selbst von Nutzen werden.“[5]

Dieser Passus aus einem Brief Wagners, dem hier eine Parteinahme für Nietzsche missglückt bei dem Versuch, seinen jungen Freund anlässlich der Anfeindungen aus der philologischen Zunft zu trösten, denen dieser ausgesetzt war, spricht jedoch von Klassischer Philologie, also der lateinischen und griechischen Schrift-Kultur. Warum diese Parteinahme missglückt ist? Wagner fordert von der Philologie, was selbst der junge Nietzsche nimmer hätte leisten können, wenngleich er davon träumte: einer Sinngebung der Gegenwart durch die Klassische Philologie. Sophokles legitimiere Bayreuth, so ließe sich auf die kürzeste Formel bringen, mit der Nietzsche seine Schrift über „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ zur Welt brachte, ein Aufsatz, der zum Besten gehört, was in deutschem Essay je verfasst worden ist, aber zum Sinnlosestem praktischer Philologie. Wagners Verhältnis nicht zur Klassischen Philologie, wohl aber zur Germanistik dürfte nicht eben so negativ gewesen sein. Ist doch, im Widerspruch zu der Invektive Wagners gegen die Klassische Philologie, der Wagnersche Bezug zu deutscher Mythologie ohne die Gründungsthemen der Germanistik um die Nibelungen, die Artussage oder den dramatis personae der Meistersinger nicht zu denken. Kein Wagner ohne Görres, den Grimms, Lachmann oder anderen Gründungsvätern einer Germanistik als einer Lehre vom Deutschen, nicht bloß von deutscher Literatur, auch ihrer Mythologie. Wagner hat die Philologie stark beansprucht und benötigt, aber eben die deutsche, nicht die klassische der Antike. Diese Korruskationen einer meteorologisch aufgewühlten Germanistik mit Blitz- und Donnergöttern aus Nebelheim verdrängen das schöne, klare und blaue Wetter mediterraner Altphilologie.

In der Aufzählung Wagners fehlen daher die Fremdsprachen- und Deutschlehrer. Sie sind ebenfalls Ergebnis der allgemeinen Philologie, und sicher die wichtigsten. Doch fürwahr: Reduziert sich der Sinn der Philologie auf das, was im Sprachenunterricht benötigt wird, so bräuchten wir den Großteil der Bücher und Professoren in der Philologie nicht, die eine zehnte Hölderlin-Ausgabe als höchst nötig ansehen, weil sie in der neunten einige Mängel sehen. Ein Philologenleben reicht nicht aus, um die Forschungsliteratur zu Franz Kafka zu lesen, aber ein normaler Gymnasiast absolviert Kafka in weniger als zehn Stunden Deutschunterricht. Da stimmt etwas nicht.

Künste hingegen pflegen eine gewisse Exklusivität, und sie lassen nicht jeden hinein. Um 1900 – diese Epochenschwelle als Beispiel genommen – finden wir weitere Exklusivitäten. Der erste Satz aus Stefan Georges Sentenzen „Über Dichtung“ formuliert eine Reserve gegenüber Zumutungen pädagogischer Ansprüche von Literatur. George näselt: „In der Dichtung – wie in aller Kunst-betätigung ist jeder der noch von der sucht ergriffen ist etwas ‚sagen‘ etwas ‚wirken‘ zu wollen nicht einmal wert in den vorhof der kunst einzutreten.“[6] 

Neben der Kunst als metaphysisch absolutem Selbstzweck war um 1900 ein anderes Paradigma in den Sog öffentlichen Interesses gerückt und zugleich von Geheimnissen umgeben, die dem Gegenstand den Schutz vor unberufenem Zutritt sichern sollten: Die Psychologie. „Man kann die Neugier eines Laien“, schreibt der Psychiater und Romanautor Alfred Döblin,

„vielleicht mit nichts so sehr aufstacheln, als mit Erzählungen aus der Irrenanstalt. Für wenige Dinge findet man allgemein eine so unerschöpfliche Teilnahme. Die Heimstätte des Gemütskranken, das ist dem Laien der Ort, an dem das dunkelste Grauen umgeht, in dessen Schoß un­geheure, unheimliche Gewalttaten gebunden sind. Hier sprin­gen die Fratzen nur so herum, als wären sie aus dem Gehirn eines Fieberdelirenten gestürzt; Gebrüll, Weinen, Totschlag, Zwangsjacke, – ein Pandämonium ist dieser Ort, und man bestaunt aufrichtig die Männer, die hier furchtlos aus und ein gehen. Unsere Literatur hat sich seit altersher dieser Quelle intensiver Spannungen bedient. Der Irre ist längst literaturfähig geworden, – im Grunde ein sonderbarer Gedanke. Ich wüßte nicht, was gerade ihm sachlich den Vorrang vor den übrigen Kranken gewähren könnte. Niemand fühlt sich genötigt, über den Rheumatismus nachzudenken, die Poesie des Gichtanfalls auszumünzen, das Hühnerauge zum Motiv einer Trauerode zu machen. Wer bietet ein anderes Gefühl, als das der Peinlichkeit auf, wenn ein Lungenkranker spuckend und hustend über die Bühne stolpert? Aber das Spucken und Husten des Irren ist Poesie geworden, seine Halluzinationen, seine Wahnideen.“[7]

So kennzeichnet stellvertretend für schreibende Ärzte, von denen es ab 1900 recht viele gab und gibt, recht offen und zugänglich das enorme Interesse seiner Zeit an der Psychologie, und schließt in der typischen Wendung mit den Worten:

„Die eigentlichen Wunder und Geheimnisse der Medizin sind den Künstlern gut verschlossen; nicht einmal in die Vorhalle des Tempels dürfen sie eintreten; die Künstler sind draußen, bei dem Aberglauben, dem Vorurteil stehen geblieben und brüllen mit dem ungebildeten Volk in einem Chor.“[8]

Richtig an Döblins Platzverweis, der aufs Haar, wenn auch spiegelverkehrt, demjenigen Stefan Georges gleicht, scheint hier wie da die Warnung vor Dilettantismus, der allemal peinlich, im Fall der Psychiatrie gewiss gefährlich sein kann. Dass Döblin von Künstlern spricht, die die Vorhalle der Medizin nicht zu betreten haben, provoziert die Rückfrage, ob er diejenigen meint, die als psychologisch ambitionierte Philologen, oder diejenigen, die als schreibende Patienten vordringen. Längst nämlich wurde die Vorhalle des Tempels der Psychologie von Philologen geradezu gestürmt, und die Gegenwehr war nicht eben stark. Die Versuche, Psychiatrie und Literaturwissenschaft in ein Ergänzungsverhältnis zu setzen, füllt Bibliotheken. Ich frage mich häufig beim Anblick solcher Textmassen, ob sie nicht gerade deshalb so anwachsen, weil wir einfach nicht begreifen, was uns ergreift.[9]

Die Philologie als „Klugscheißerei“ ist für die Heilung kranker Schriftsteller weder zuständig noch geeignet. Die Philologie redet vor unbekannten Lesern über ihre Themen, die Psychologie mit dem einzelnen Patienten oder in definierten Gruppen allein. Stellen wir fest, dass Dichter des Expressionismus, van Hoddis, Trakl, Werke geschrieben haben, die von ihren Krankheiten aus entstanden sind, so helfen dem Philologen die Diagnosen zum Verständnis und zur Intensivierung seiner und unserer Kenntnis von Werk und Autor. Wozu aber dies? Die kranken Dichter, deren Genie nicht Kunstwerke hervorbringt trotz, sondern wegen ihrer Krankheiten, leiden vor uns, die späteren Leser, und sie infizieren uns. Zuversichtlich wird es sich hierbei um Melancholie handeln, die wir uns zuziehen, jene edle Indisponiertheit der Grübler, Leser, Träumer, Pessimisten, der Lebensuntüchtigen, der Suchenden, denen wirklich ergreifende Werke allesamt Palimpseste der einzigartigen Hamlet-Tragödie zu sein scheinen.

Wenn es bei Walter Benjamin in einer kurzen, ironischen Formel heißt: „Die Renaissance durchstöberte den Weltraum, das Barock die Bibliotheken,“[10] so bestätigt er, der wie jeder Philologe gerne Bibliotheken durchstöbert, eine zarte Melancholie, die auf der Philologie liegt. Ist es nicht ein papiernes Grübeln, was da Bücher auf Bücher häuft, leiden Bibliotheken nicht an Melancholie, weil sie nur diejenigen glücklich macht, die in ihnen etwas finden, und nicht diejenigen, die mithilfe der Bibliotheken draußen etwas anwenden?

Nach dem Barock und ohne Bezug auf jene Epoche wird seit dem 18. Jahrhundert das Nützliche des Lesens gegen das Lesen als Selbstzweck ausgespielt, und stoisch klingt Winckelmanns Appell:

„‘Nicht diejenigen‘, sagt der Weise, ‚die am meisten essen und ihren Körper am meisten in Bewegung setzen, nicht die sind die gesündesten, sondern die dem Körper, was derselbe fordert geben; Eben so werden nicht diejenigen, welche viele, sondern welche nützliche Sachen lesen, gelehrt.“[11]

Die Antike selbst teilt diese Ansicht vertreten durch den Stoizismus, der eine sittenstrenge Philologie fordert, deren oberster Verstoß das Geschwätz zu sein scheint. Hören wir ausführlich ein Beispiel aus dem Epiktet.

„Wenn einer sich damit brüstet,“ schreibt Epiktet, der Grieche, „dass er die Schriften des Chrysipp verstehe und auslegen könne, so sage zu dir selbst: Hätte Chrysipp nicht dunkel geschrieben, so hätte der Deuter nichts, womit er sich brüsten könnte.  Ich aber, was will ich?  Die Natur verstehen lernen und ihr folgen.  Ich frage daher: wer führt mich zu ihr?  Und da man mir sagt: Chrysipp, so mache ich mich auf den Weg zu ihm.  Aber ich verstehe seine Schriften nicht.  Ich suche also jeman­den, der sie mir erklärt.  Bis daher gibt es nichts, womit man sich brüsten könnte.  Habe ich einen gefunden, der mir die Schriften des Chrysipp erklären kann, so bleibt noch übrig, seine Lehren anzuwenden, zu leben.  Das allein ist das Große.  Wenn ich aber nur das Erklären bewundere, so bin ich eben kein Philosoph, sondern ein Schriftgelehrter oder Philologe, nur dass ich statt Homer den Chrysipp erkläre.  Wenn also jemand zu mir sagt: Lies mir aus Chrysipp vor, so müsste ich erröten, wenn ich nicht auch Taten aufzuweisen hätte, die seinen Leh­ren entsprechen.“[12]

Vor dieser zunächst recht einfach klingenden Einsicht des stoischen Philosophen Epiktet schreckt unsere Philologie beleidigt zurück, weil er die Philosophie der Tat über die Philologie der Klugscheißerei stellt. Den Grund dafür sehen wir weniger in einer Weltfremdheit der Philologie, sondern in einer Bequemlichkeit der Leser, die gar nicht immer das Interesse haben, aus ihrer Lektüre Taten folgen zu lassen. Das ist verständlich. Denn wie Epiktet in der zitierten Passage wünscht, Unterstützung bei der Lektüre eines Lebensmeisters zu erhalten, um sein eigenes Leben besser meistern zu können, so wird er auf seine Forderung verzichten, wenn es um Texte eines am Leben gescheiterten Schreibers geht. Epiktet würde über diese historisch ausgesteuerten Scheiterer sagen, dass sie die Zeit nicht wert seien, die ihre Lektüre kostet. Der Prozess der Sinngebung beginnt im Affekt des Lesers, eine erfolgreiche, bekannte, verständliche und richtige Lehre zu lesen. In der Episode des Epiktet liegt jedoch ein Widerspruch, zumindest ein sogenannter hermeneutischer Zirkel, das ist: eine Interpretation, die zu einer Annahme führt, die bereits Grundlage der Argumentation war. Epiktet weiß, was er will: die Natur verstehen lernen und mit ihr in Übereinstimmung leben. Die Personen, die unser Epiktet mit der Formel „man sagt“ bezeichnet, werden Philosophen sein, die philologisch, oder Philologen, die philosophisch ambitioniert sind. Wie anders könnten sie ihm treffsicher zu einer Lektüre raten, die genau zu seiner Sinnsuche passt? Reines Philosophieren ohne historische oder philologische Kenntnisse kann nicht über sich selbst hinauswachsen und keinerlei Begriffsabgrenzung vornehmen. Die Zeiten haben uns keine einzige Schrift des Chrysipp überliefert. Wenn Texte nicht überliefert werden, hat die Philologie ihr Recht verloren, der Philosophie dienen zu dürfen und muss sich mit dem begnügen, was andere über ihn überliefert haben, mit Doxographie. Womöglich konnte Epiktet zu seiner Zeit noch über Schriften Chrysipps verfügt haben, dann wusste er mehr über ihn als wir heute wissen können. Das würde Epiktet nicht bestreiten. Sein Lehrer, der ihm Chrysipp erklärt, muss diese Kenntnisse besitzen, aber wie prüft Epiktet seine Treue zur Lehre Chrysipps? Der Hiatus in der Anekdote des Epiktet liegt darin, dass er Chrysipp nicht versteht und sich jemanden sucht, der nicht nur Chrysipp erklärt, sondern auch den Schüler zum Handeln im Sinne des Stoikers Chrysipp überzeugen soll.

Das gleicht psychoanalytischer Methode. Chrysipp entspräche einer Gestalt wie Sigmund Freud oder einem seiner Adepten. Sie enthält nicht nur das Moment, sich dem Patienten gegenüber zu erklären, sondern idealerweise auch die Absicht, den Ratsuchenden zum Ändern seiner Handlungen zu bewegen, ihn zu heilen. Das gleicht, ferner, der geistlichen Betreuung Bußfertiger. Die Bibel entspricht hier den Texten des Chrysipp. Auch sie hat eine Botschaft, sie enthält das Wort Gottes, also hierin schon etwas wie auch immer rätselhaft Philologisches, und auch der Beichtvater empfiehlt dem Bußfertigen diese und jene Änderung im Verhalten. Das gleicht, drittens, der Funktion politischer Theorien oder Ideologien. Ihnen noch am stärksten. Steckt in der Anekdote des Epiktet nicht die elfte Feuerbach-These des Karl Marx, dernach es darauf ankomme, die Welt zu verändern, statt, wie bisher, nur verschieden zu interpretieren?

„Literaturgeschichte ist eine Herbstwissenschaft.“ Aus der Seele melancholischer Rückschau könnte dieser Satz Peter Hilles gesprochen sein,[13] der in seiner Rätselhaftigkeit wahr, in seiner Klarheit traurig und in seiner Kürze wie eine Summe klingt. Die Stimmung des Herbstes gehört zu dieser Wissenschaft als ihr subjektiver Anteil, als ihre Perspektive auf die Objekte, die stets in einen Kreislauf des Werdens und Vergehens eingeflochten sind. Im Herbst ist Ernte und Niedergang. In der Literaturgeschichte schlägt das Herz für den Herbst des gewesenen Schönen, das in der Wissenschaft überwintert, in der Hoffnung, es möge auferstehen. Das ist die religiöse Hoffnung der Literaturgeschichte, dass ihre Objekte wieder auferstehen könnten, wieder gelesen werden könnten, während die profane Geschichtsschreibung als solche definitiv die vergänglichen Sachverhalte sammelt und ordnet wie Steinchen im Lapidarium. Dort können sie vorgeführt werden wie kleine Luxusgegenstände, während der Besitzer sagt: Hier, sehen Sie, den habe ich in Prag aufgelesen, oder: das ist ein besonderes Stück aus Venedig, und mit der Nennung der Stadt ist schon das meiste gesagt. „Und wirklich sind die Geisteswissenschaften“, schreibt Gert Mattenklott,

„weitge­hend kein geringerer Luxus als ihre Gegenstände. Man muß diesen Luxus wollen, um sie auch nach dem Zu­sammenbruch der Illusionen über ihre Brauchbarkeit noch zu fördern.“[14]

Philologen sind wohl zu einem hohen Anteil verhinderte Dichter und Philosophen. Stehen sie in ihrem Beruf, geht es ihnen wie so manchem Angestellten, der in seiner Jugend Pilot werden wollte, aber beim Bodenpersonal landete, seinen ursprünglichen Berufswunsch mit gesunder Psyche ordnungsgemäß verdrängte und sich der Entfremdung seines Broterwerbs hingab. Doch dann und wann erleben sie, was Friedrich Nietzsche beschreibt, inmitten seiner Notizen zu einer nicht fertig gewordenen „Unzeitgemäßen Betrachtung“ unter dem Titel „Wir Philologen“. Dort gesteht er, was er gut daran tat, um 1872 besser nicht zu veröffentlichen:

„Es giebt eine Art, sich philologisch zu beschäftigen, und sie ist häufig: man wirft sich besinnungslos auf irgend ein Gebiet oder wird geworfen: von da aus sucht man rechts und links, findet manches Gute und Neue — aber in einer unbewachten Stunde sagt man sich doch: was Teufel geht mich gerade das alles an? Inzwischen ist man alt geworden, hat sich gewöhnt und läuft so weiter, so wie in der Ehe.“[15]

Die Lust, Dichter lieb zu haben, deren Genie sich in Wahnsinn kehrt oder die im Zeichen ihres Geistes von einzelnen Gedichten unentwirrbar viele Varianten hinterlassen haben, kultiviert sich in monströsen Werkausgaben, die so teuer sind, dass sie sich kein normaler Leser leisten kann. Ein Trieb stachelt diese Lust an, es ist eine feine Form von Neid der Philologen auf die berühmten Dichter und Philosophen, der sie in den Nachlässen schnüffeln lässt wie Trüffelschweine in dampfenden Ehebetten. Insgeheim malen sie sich die Erhöhung ihrer Reputation aus, wenn sie herausfinden, warum ein Dichter Schattenseiten hatte, soff oder Drogen nahm, und publizieren diese Dokumente allerprivatesten Elends als Skandale, zerren sie an die Öffentlichkeit, mit Anmerkungen, die entweder ein Mitleid heucheln, das den Lesern die Rezeptionshaltung vorturnt, oder die in einer demonstrativen Sachlichkeit Fakten „darlegen“, die den Leser in die Rolle von Geschworenen versetzen, um selbst ihre Klugscheißer-Urteile zu sprechen. Dichter, von denen wir nicht mehr wissen und kennen als was von ihnen an Dichtung überliefert ist, haben es gut. Es ist für jeden Schreiber empfehlenswert, möglichst nichts aufzuheben, was ihn in einem ungünstigen Licht darstellen könnte, denn Philologen kennen keinen Datenschutz.

Germanistik nun, das Beispiel Wagners war schon genannt, war anfangs mehr als eine Philologie. „Der Name ‚Germanist‘“, so Jörg Jochen Berns,

„hatte seit seinem Erstauftreten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nur gelegentlich Wissenschaftlern zugestanden, die sich mit der Geschichte des genuin germanischen bzw. deutschen Rechtes befaßten. ‚Germanist‘ war ursprünglich eine Analogiebildung zu dem Namen ‚Roma­nist‘ für den Historiker des Römischen Rechtes. Nun aber - 1846 meldet Grimm an, stehe der Name ‚Germanist‘ im Begriff ‚uns allen zu gebüh­ren [...], im allgemeinen auch Historiker und Philologen miteinschließenden Sinn.‘“[16]

Germanistik, eine deutsche Wissenschaft, startete als demokratische, als jungdeutsche Bewegung. Sie verhalf der neuen Nation, bevor sie 1871 ein festes Staatsgebilde wie ein Korsett erhielt, zu einem neuen Bewusstsein.

Als Wissenschaft vom Deutschen war die Germanistik anfällig für nationale Gefühlslagen, für radikale Ansichten, schließlich für den Nationalsozialismus. Die Germanistik besaß 1933 bis 1945, wie die Medizin ihren Mengele, ihre philologischen Vollstrecker, die ungefragt die Vorhöfe der Kunst mit ihren Wirkungsabsichten stürmten, Schiller und Goethe quälten, und ansonsten von den Nazis nicht sehr ernst genommen wurden. Sie sahen sich als Germanisten im Zentrum der Bewegung und saßen aber an der Peripherie des Terrors, Piefkes, die viel bedeuteten, wenn sie etwas deuten. Während die Physik wenigstens gebraucht wurde, während Biologie und Medizin mit Schneid wenigstens Rassegesetze aufstellten und tatkräftig die Menschenvernichtung legitimierten, bildeten sich Germanisten ein, gebraucht zu werden. Erbärmlich und peinlich heißt es bei Ernst Bertram:

„Es wäre unnatürlich, wollten wir hier, wo sonst der unmittelbare Gegenwartstag nicht unsre geschichtliche Erkenntnis verfremden darf und soll — wollten wir heute nicht, zum Eingang unsrer Weiterbetrachtung des großen mythischen Selbstbefreiungsjahrhunderts im deutschen Schrifttum, der Dinge gedenken, die uns alle mit Freude, Dank und hoffender Sorge erfüllen [...]. Denn schließlich steht ja gerade unsre Arbeit von allen Arbeitsgebieten der deutschen Hochschule rein gegenständlich, gehaltlich, sinnhaft dem Schicksal Deutschlands einmal am nächsten.“[17]

Sie nannte sich, aus Furcht vor Fremdworten, „Deutschkundebewegung“ und haben sich selbst auf folgende Tat-Pflicht vereidigt:

„Es ist die Bildung des Deutschen zum Deutschen, die Verwurzelung der deutschen Einzelseele in der deutschen Volksseele. Es handelt sich heute nicht nur um die Erziehung zum Gemeinschaftsmenschen, es geht um die Er­ziehung zum bewußten deutschen Staatsbürger. Und der Weg der Erziehung zum deutschen Staatsbewußtsein führt über die Erziehung zum deutschen Volksbewußtsein, und die Er­ziehung zum deutschen Volksbewußtsein geht über die Er­ziehung zum deutschen Heimatbewußtsein. In der Heimat liegt das Geheimnis aller Urkräfte völkischen Staatslebens beschlossen. Von der engeren Heimat zum deutschen Volk und vom deutschen Volk zum deutschen Staat, das ist der Weg, den unsere Jugend gehen soll.“[18]

Vielen Germanisten stand der Schweiß auf der Stirn vor Stolz und Anstrengung, ihr Fach der neuen Herrschaft anzudienen. Sagte Adorno: „Fremdwörter sind die Juden der Sprache,“[19] so blies die Germanistik zur Jagd auf sie, wie etwa von Polenz es bei dem schon amüsant klingenden Versuch eines Hans L. Stoltenberg referiert, der sich:

„für die Schaffung einer rein deutschen wissenschaftlichen Ter­minologie [einsetzte] mit Neubildungen wie Vernunfttum (Rationalismus), Vertragtum (Sozialismus), Geist­gruppwissenschaft (Kultursoziologie), Weibischtum (Feminis­mus), Erdmittigkeit (Geozentrizität), Seelkunde (Psycholo­gie), fühligen (emotionalisieren), verstandsam, -haft, -lich (intellektuell), Gewerbsamung (Industrialisierung), Anstaltsamung (Institutionalisierung). Er fordert nun die Ernennung von >Sprachberatern< an jeder Hochschule, die sich zu einem >Sprachrat der Wissenschaftern zusammenschließen sollten (Muttersprache 50, 1935, Sp. 265; 51, 1936, Sp. 156 f.). Zur Ermunterung macht er Vorschläge zur Verdeutschung der tra­ditionellen Bezeichnungen im äußeren akademischen Leben: z. B. Voll-/Althochschule (Universität), Hochschulführer (Rek­tor), Hochschulrat (Senat), Lehrschaftsführer (Dekan), Amts­hochlehrer (Ordinarius), Freihochlehrer (Privatdozent), Hochschüler (Student), hochschulhaft (akademisch) usw. (Muttersprache 49, 1934, Sp. 148 f.).“[20]

Ganze Riegen von Deutschlehrern und Amtshochlehrern wollten die deutsche Sprache in dieser Weise reinigen, ja sie schlugen vor, das Wort „Propaganda“ in „Werbe“ oder „Werbung“ zu ändern. Das war selbst den Nazis zu albern und sie verfügten in einem Erlass:

„Nach einem Rundschreiben des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei ist dem Führer in letzter Zeit mehrfach aufgefallen, daß - auch von amtlichen Stellen - seit langem in die deutsche Sprache übernommene Fremdwörter durch Ausdrücke ersetzt werden, die meist im Wege der Übersetzung des Ursprungswortes gefunden und daher in der Regel un­schön sind. Der Führer wünscht nicht derartige gewaltsame Eindeutschungen und billigt nicht die künstliche Ersetzung längst ins Deutsche eingebürgerter Fremdworte durch nicht aus dem Geist der deutschen Sprache geborene und den Sinn der Fremdworte meist nur unvollkommen wiedergebende Wörter. Ich ersuche um entsprechende Beachtung. Dieser Er­laß wird nur in Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volks­bildung veröffentlicht. Berlin, den 19. November 1940. Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, i.V. Zschintzsch.“[21]

Was ist Germanistik. Teil II.

Der Verfasser ist davongelaufen.

 

Anmerkungen

[1] in Anlehnung an Rudolf Otto: Das Heilige, 1917, Anfang vom Dritten Kapitel

[2] Peter Szondi: Über philologische Erkenntnis.

[3] Michel Houellebecq: Unterwerfung. Übers. v. Norma Cassau u. Bernd Wilczek.

[4] Juli Zeh: Unterleuten.

[5] Richard Wagner: An Friedrich Nietzsche.

[6] Stefan George: tage und taten.

[7] Alfred Döblin: Autobiographische Schriften.

[8] Döblin: Das Leben in einer Irrenanstalt.

[9] „dass wir begreifen, was uns ergreift“: Formel von Emil Staiger: Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters, S. 11

[10] Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels.

[11] Johann Joachim Winckelmann: Gedanken vom mündlichen Vortrag der neueren allgemeinen Geschichte. In: Dresdner Schriften. Text und Kommentar.

[12] Epiktet: Handbüchlein der Moral

[13] Peter Hille: Meteoriten

[14] Gert Mattenklott: Geisteswissenschaft – eine parabolische Geselligkeit

[15] Friedrich Nietzsche: KSA Band 8, S. 53

[16] Jörg Jochen Müller (Berns) (Herausgeber): Germanistik und deutsche Nation 1806-1848

[17] zitiert bei Bernhard Zeller (Herausgeber): Klassiker in finsteren Zeiten 1933-1945.

[18] Zitiert bei Otto Conrady (Herausgeber): Germanistik – eine deutsche Wissenschaft.

[19] Thodor W. Adorno: Minima Moralia.

[20] Zitiert bei Conrady.

[21] Zitiert bei Conrady.